Ratgeber für Absolventen & Berufseinsteiger

Eine gute Schwäche im Vorstellungsgespräch ist besser als eine schlechte Stärke

Da sitzt du nun also im Vorstellungsgespräch vorm Personalzuständigen. Du hast mit deiner formvollendeten Bewerbung sein Interesse geschürt und wurdest eingeladen, du bist überpünktlich vorstellig geworden und trägst die passenden Klamotten -  nicht zu chic, nicht zu leger. Du hast dich umfangreich über das Unternehmen informiert und intelligente Fragen gestellt, hast ganz unbefangen ein wenig über dich geplaudert und konntest nachvollziehbar begründen, warum du dich ausgerechnet bei diesem Unternehmen und auf diese Stelle beworben hast. Es kann nichts mehr schiefgehen, denkst du dir und riechst schon die Tinte unter dem Arbeitsvertrag. Dein Gegenüber lächelt dich an, er öffnet den Mund, doch statt eines vorschnellen „Herzlich Willkommen“ hörst du ihn die trockenen Worte formen: „Was sind denn Ihre Stärken und Schwächen?“  Verdammt, ist das eine Fangfrage?

Keine Sorge, in fast jedem Vorstellungsgespräch kommt es irgendwann zu dieser heiklen Frage. Und eigentlich ist sie weniger furchterregend, als es auf den ersten Blick vielleicht den Anschein haben mag. Wir verraten dir, wie du den schmalen Grat zwischen Überheblichkeit und gesundem Selbstbewusstsein meisterst und wieso dich ein paar kleine Macken eher menschlich machen. 

Im Vorstellungsgespräch | Schwächen und Stärken angeben Im Vorstellungsgespräch | Schwächen und Stärken angeben

Du bist ein Mensch, keine Maschine

„Was sind denn Ihre Stärken und Schwächen?“ Diese Frage darfst du dir gerne übersetzen in: „Wie steht´s denn mit Ihrer Ehrlichkeit und Selbstkritik?“ Wie du mit dieser Frage umgehst ist mindestens genauso wichtig wie deine eigentliche Antwort.

Der Personaler weiß, dass du keine unfehlbare Maschine bist,  sondern ein Charakter mit Ecken und Kanten. Wenn er im Vorstellungsgespräch Stärken und Schwächen erfahren möchte, dann um Dich kennenzulernen, nicht das Standard-Abziehbildchen eines Mitarbeiter-Ideals. Verzichte also auf die üblichen Wischi-Waschi-Antworten. Dass du motiviert und teamfähig bist, dabei aber manchmal zu hilfsbereit oder ein wenig übermotiviert, das hat dein Gegenüber zuvor schon etliche Male gehört. Schätze stattdessen ehrlich ein, in welcher Hinsicht du für das Unternehmen wirklich eine Verstärkung darstellst, und wo du bei dir selbst noch Verbesserungspotential siehst. 

Auf die richtige Schwäche kommt es an

Wenn beim Vorstellungsgespräch Schwächen genannt werden sollen, dann gib sie behutsam und wohldosiert zu. Schieß keine volle Breitseite an Talentlosigkeit ab, sonst überzeugst du dein Gegenüber am Ende noch davon, dass du ein Risiko für das Unternehmen bist. Ein, zwei Schwächen reichen völlig aus. Und achte darauf, dass diese Schwächen den Job, für den du dich bewirbst, so wenig wie möglich beeinflussen. Ein Pilot mit Flugangst ist so begehrt wie ein löchriger Regenschirm, während man einem Bäcker vermutlich nachsieht, wenn er keine zweite Fremdsprache spricht. Auch die fundamentalen Vier sollten für dich beim Vorstellungsgespräch als Schwäche ein Tabu sein: Pünktlichkeit, Fleiß, Ehrlichkeit und Motivation. Wenn du freizügig preisgibst, dass du dich nur schwer für eine Aufgabe begeistern kannst und ständig den Wecker überhörst, kannst du dir das Gespräch auch gleich sparen.

Die Stärke im Schwächepelz

Gehst du es geschickt an, dann lieferst du zu deiner Schwäche gleich auch noch eine Stärke mit, die diese relativiert: „Manchmal bin ich ein wenig schüchtern, aber es gelingt mir immer besser, auf andere Menschen zuzugehen.“ Damit schlägst du zwei Fliegen mit einer Klappe: Du gibst eine ehrliche Antwort und erwähnst so ganz nebenbei gleich noch ein paar Stärken, nämlich deine Fähigkeit zur Selbstkritik und die Bereitschaft, an dir zu arbeiten. Mitunter kannst du auch eine eigentliche Stärke im Vorstellungsgespräch als Schwäche tarnen. Dass auf deinem Schreibtisch ab und zu mal König Chaos regiert unterstreicht doch eigentlich deinen kreativen Kopf, oder?

Keine Witze im Museum

Wie auch bei den Schwächen ist ein wenig Fingerspitzengefühl gefragt, wenn du im Vorstellungsgespräch deine Stärken anpreisen sollst. Beherzige hierbei ein paar grundlegende Regeln, dann kannst du die Schlaglöcher der Selbstlobhudelei gekonnt umkurven. Du solltest dich nicht mit Talenten schmücken, die du einfach nicht besitzt, bloß weil sie deine Chance auf den Job erhöhen. Wenn du als selbsternannter IT-Fachmann nicht einmal deinen PC angeschaltet bekommst, sind deine beruflichen Flitterwochen schnell vorüber. Außerdem solltest du dich im Vorstellungsgespräch auf jene Stärken konzentrieren, die dich als Arbeitskraft für das Unternehmen interessant machen. Dass du der weltbeste Witzeerzähler bist ist sicher eine tolle Sache, aber den Personalverantwortlichen des Museums wird vermutlich eher interessieren, dass du über fundierte Geschichtskenntnisse verfügst.  

Beispiele statt Larifari

Wenn du im Vorstellungsgespräch deine Stärken angibst, dann veranschauliche mit konkreten Beispielen, was dich auszeichnet. Der Personaler eines Onlineunternehmens kann deine Eignung weit besser einschätzen, wenn du ihm von der eigenen Website erzählst, die du mal unter Zeitdruck aufgezogen hast, als wenn du dich mit „eigenständig und verantwortungsbewusst“ beschreibst oder einfach nur die Top 10 der besten Eigenschaften für Programmierer herunterleierst. Besonders das Studium oder erste berufliche Erfahrungen bieten meist genügend Anekdoten, die deiner Selbstbeschreibung Nachdruck verleihen. Deine vielen Hausarbeiten haben doch sicher dafür gesorgt, dass deine Denk- und Schreibweise mittlerweile viel sinnvoller strukturiert ist? Und hast du nicht gelernt, dich selbst zu disziplinieren, weil du allein dafür verantwortlich warst, das hohe Lernpensum einzuhalten? 

Die Personalleitung ist keine Oscar-Jury

Die Frage nach den eigenen Stärken und Schwächen im Vorstellungsgespräch kann unangenehm sein, das wissen wir. Wenn du dir aber vorab ein paar Gedanken über deine eigenen Talenten und Fähigkeiten machst und dir außerdem eine sympathische Schwäche zugestehst, die du mit Blick auf den Job ruhigen Gewissens beichten darfst, dann wird dieser Teil viel harmonischer ablaufen, als du denkst. Solange der Personaler merkt, dass du dich nicht verstellst oder schauspielerst (und glaub uns, er wird es merken), sondern dir wirklich Gedanken darüber gemacht hast, warum ausgerechnet du für den Job geeignet bist, dann gibt es eigentlich schon keine falschen Antworten mehr in dieser Etappe.

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